Meinung


Corona ist nicht an allem Schuld

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In meiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Journalist in der Lebensmittelbranche habe ich schon so einige Produktionswerke in der ganzen Welt gesehen. Und ich glaube, Corona wird für einen enormen Optimierungsschub sorgen. Das sind die Gründe dafür.

Vor zwei Jahren, es war im Hochsommer, war ich zur Recherche in Polen unterwegs. In der Region herrschte eine Hitzewelle, und selbst die Nächte brachten kaum Abkühlung. Der Mars, so nah wie schon seit Jahren nicht mehr, stand leuchtend rot am Abendhimmel, was die Hitze noch unerträglicher machte.

Wenn man aber über ein brandheißes Thema sprechen wollte, dann war das die polnische Geflügelbranche. Polen war und ist – bis jetzt – der führende Geflügelproduzent in der EU.

An jenem heißen Sommertag jedoch erschien es vielen, als gäbe es nur eine Sache, die Polen davon abhält, wirklich ein globaler Geflügelriese zu werden: die fehlende Harmonisierung zwischen Verarbeitungsbetrieben und Landwirten. Jeder wollte immer die Oberhand haben, keiner war bereit, sich auf eine gemeinsame Linie einzulassen. Diese mangelnde Kooperationsbereitschaft war ein Überbleibsel aus der Zeit, als die Sowjets vergeblich versuchten, die polnische Landwirtschaft zu kollektivieren.

Der Aufwärtstrend ist nicht zu stoppen. Wirklich?

An dieser Stelle denken Sie sicher, „Bei allem was wegen Corona gerade in der Welt passiert, ist das ein merkwürdiger Zeitpunkt, um über Geschehnisse von vor zwei Jahren zu sprechen – vor allem, weil es sich so anhört, als sei alles in bester Ordnung auf dem polnischen Markt.“

Tatsächlich haben die Probleme, denen die internationale Fleisch-, Geflügel- und Fischindustrie derzeit in der Post-Corona-Welt gegenübersteht – Arbeitskräfte, Anlagen, Preise, Überangebot und Transport – schon vor Jahren ihren Anfang genommen. 

Der Betrieb, den ich seinerzeit besuchte, war etwa drei Autostunden von Warschau entfernt, aber nur eine Stunde Fahrt von Berlin. Für die Autobahnstrecke nach Paris brauchte man 12 Stunden, und nach London 11 Stunden. An der Strecke zwischen diesen Punkten gab es zahlreiche weiterverarbeitende Betriebe der Supermärkte, die auf der Suche nach Halbfertigprodukten waren. Nachmittags wurde mit der Produktion begonnen, sodass sich die Lastwagen der Unternehmen spätestens um zwei oder drei Uhr nachts auf den Weg machen konnten in Richtung Westen, in die Länder mit höheren Gewinnen.

Mein Flug von London ging um sechs Uhr morgens. Durch Zeitverschiebung und Fahrzeit kam ich so gegen drei Uhr nachmittags in der Fabrik an. Da ich ein recht kräftiger Mann bin, brauche ich meine Mahlzeiten – meinem Magen fehlten also mindesten zwei Mahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten, um glücklich zu sein. Noch mehr brauche ich meinen Kaffee, und meine Koffeinreserven waren definitiv am Ende. Dazu dann noch die sommerliche Hitze – ich brauchte Streichhölzer, um meine Augen aufhalten zu können, als die Power-Point-Präsentation begann.

Der Werksleiter präsentierte stolz seine Statistiken der letzten fünf Jahre. Die Produktion war Jahr für Jahr ganz ordentlich gestiegen, und er war sich sicher, dass nichts und niemand diesen Aufwärtstrend stoppen könnte. Als wir dann aber in das Werk kamen, beschlich mich das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Aber was?

Platzmangel und andere Probleme

Ich war müde, im Werk war es laut, ich konnte ihn kaum hören. Also begann ich, im Kopf die Produktionslinien auseinanderzunehmen, um wach zu bleiben. Es waren zwei größere Anlagenhersteller vertreten, doch keiner von beiden hatte den Löwenanteil. Es gab auch einige Anlagen polnischer Firmen, um die Lücken in der Linie zu schließen.

In den Statistiken, die mir der Werksleiter präsentiert hatte, war ganz klar zu sehen, dass dieses relativ neue Werk viel zu wenig Platz bot für dieses Produktionsvolumen und für all die Anlagen, die dort untergebracht waren. Finanzielle Mittel schienen nicht das Problem zu sein – wenn sie gewollt hätten, hätten die Inhaber vermutlich noch am selben Tag den ersten Spatenstich für eine neue Fabrik machen können. Vielmehr schien dies ein Fall von mangelnder Planung, Vorausschau und Vorstellungskraft zu sein. Auch mit einem größeren Werk hätte sich keines dieser Probleme lösen lassen.

Es war alles ein wenig verrückt. Seit über 20 Jahren habe ich Fisch-, Geflügel- und Fischverarbeitungsbetriebe besucht, und ich war noch nie zuvor in einem Werk, in dem man zwischen vorbeisausenden Förderbändern mit Hühnern darauf entlanggehen musste. Ein falscher Tritt, und schon bekam ich einen Schlag auf den Hinterkopf - nicht auszudenken, wie die erste Woche eines neuen Mitarbeiters hier aussehen musste. Im Nachhinein kann ich mich auch gar nicht erinnern, dass irgendwer einen Helm getragen hätte.

Während wir durch den Betrieb liefen, zeigte mir der Werksleiter stolz einige neue Maschinen und nannte mir deren Produktionsgeschwindigkeit. Großartig: während theoretisch fast Lichtgeschwindigkeit möglich gewesen wäre, änderte sich praktisch kein Deut. Es gab keinerlei digitale Verbindung zwischen den Anlagen der verschiedenen Hersteller. Stattdessen bestand die Anbindung zwischen den automatischen Anlagen aus halbautomatischen Maschinen, die im Wesentlichen von menschlicher Arbeit abhängig waren. All das Geld, das kürzlich in schnellste Verarbeitungsmaschinen investiert wurde, fruchtete nichts. Die Fertigungslinien konnten nur so schnell laufen wie das langsamste Glied: drei stämmige Burschen.

Mal sehen: eine digitale Lösung oder drei stämmige Burschen, um meine neuen Anlagen einzubinden und die Produktion in Schwung zu bringen? Ich weiß, wofür ich mich entschieden hätte.

Während der Werksleiter mit seiner Litanei über das hochmoderne Werk fortfuhr, erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit. Ich hätte schwören können, dass ich etwas vorbeifliegen sah. In einem Geflügelbetrieb – also, Vögel mit Flügeln – ist etwas Fliegendes so ziemlich das Letzte, was man sehen möchte. Ich drehte mich leicht um, und schon sah ich es wieder. Diesmal glaubte ich zu wissen, was es war: eine Hähnchenkeule, die etwa anderthalb Meter im Bogen durch die Luft flog und dann wieder zu Boden ging.

Ich zählte einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig… etwa alle 10 Sekunden sah ich einen Schenkel vorbeifliegen. Naja, es wird wohl einen Grund dafür geben, dachte ich. Vielleicht war dies die langsamste Produktionslinie aller Zeiten, und der Anlagenentwickler, inspiriert vom Basketball, hatte entschieden, dass die Hühner per Hakenwurf vom Band in die wartenden Container befördert werden sollten.

Vielleicht gab es auch eine Systemstörung, wodurch aus irgendeinem Grund jede zehnte Keule hinausgeschleudert wurde. Wie auch immer, die vorbeifliegenden Hühnerkeulen hatten beinahe etwas Hypnotisches an sich.

Schließlich merkte der Werksleiter, dass ich ihm überhaupt nicht mehr zuhörte. Er folgte meinem Blick und konnte nun ebenfalls dem Zirkusspektakel zusehen.

Er brüllte den Abteilungsleiter an, er solle sein Hinterteil bewegen und zu ihm herüberkommen. Der Abteilungsleiter hätte die Wahrheit sagen können, nämlich: „Sie haben viel zu viele Anlagen und Leute in diesen Raum gestopft, man kann unmöglich noch etwas sehen.“

Gerne hätte ich dem Werksleiter gesagt, wenn er nicht immer so schnell dabei wäre, seine Probleme an der Linie durch mehr Arbeitskräfte zu lösen, sondern den Einsatz von Personal soweit wie möglich reduzieren würde, dann könnte er solche Engpässe eliminieren und dadurch Produktionsgeschwindigkeit und Effizienz erhöhen. Je weniger Menschenhände, desto besser. Das gehört zum Einmaleins in der Verarbeitung. Wenn er schon seine Abteilungsleiter nicht dazu bringt, mit den Arbeitern zu sprechen, dann sollten zumindest die Anlagen miteinander kommunizieren. Das ist keine höhere Mathematik, das ist nur Software. Wenn auch die Arbeiter nicht bereit sind, die Hand zu heben und zu rufen, „Wir haben hier ein Problem“ – eine gute digitale Lösung wird es tun.

An dieser Stelle wollte mich der Werksleiter jedoch einfach nur aus dem Haus haben, bevor ich noch weitere Peinlichkeiten entdeckte. Ich sagte also „do widzenia“ und machte mich auf den Weg.

Zum Überleben braucht es das Herz eines Unternehmers

Warum ich all das hier zur Sprache bringe? Nun, im besten Fall kommt man auch mit Ineffizienz weiter. Und man kann sogar Gewinn machen, auch wenn es eigentlich keinen Anlass dafür gibt.

Aber jetzt sind nicht die Zeiten dafür, und diese Zeiten werden so bald nicht wiederkommen. Wenn Sie, Ihr Werk, Ihre Anlage und Ihre Mitarbeiter nicht in Bestform sind, könnten Sie sich die Zeit genauso gut sparen, ein Schild mit „Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen“ an die Tür hängen und gehen.

In der ganzen Welt, von den Brauereien zu den Schweinefleischbetrieben, werden es die Großen sein, die überleben. Wenn Sie ein kleines oder mittelständisches Unternehmen führen, dann brauchen Sie mehr als nur mehr als nur Glück, um zu überleben.

Aber ich glaube fest daran: unter dem langen weißen Mantel eines Werksbesitzers schlägt das Herz eines Unternehmers, nicht eines Bürokraten. Und genau diese Einstellung brauchen Sie, um in dieser neuen Welt zu überleben.